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Ist „fremd“ gleich „fremd“?

Today, in times of globalization and mobility, the question of strangeness is a very important one – and should be covered by museums, too. It is their job to inform about social, economic, and cultural circumstances in other countries. A problem in this approach can be found in the visual and spatial presentation of the exhibits: Museums try to show the whole world with all its different ways of life – and have to accept that this isn´t possible with the given possibilities. So they have to find a way between their visions and the reality.

Das Fremde, Unbekannte, Aufregende – schon lange fasziniert es die Menschen. Doch nicht nur die Europäer des 15. Jahrhunderts ließen sich in den Bann exotischer Dinge ziehen, auch wenn die zur Schaustellung explizit als fremd gekennzeichneter Gegenstände zu dieser Zeit scheinbar ihren Höhepunkt erfuhr. Auch heute noch stehen unzählige Besucher nahezu andächtig, nicht nur im neuen Musée du Quai Branly in Paris, vor Objekten aus allen Teilen der Welt.
Das kontinuierliche Interesse an Gegenständen ferner Kulturkreise wirft die Frage nach möglichen Veränderungen über diese lange Zeitspanne hinweg auf. Haben sich die Hintergründe und Interessen der Initiatoren, wie man es gemäß den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen erwarten könnte, tatsächlich gewandelt? Spiegeln sich diese Veränderungen auch in der Gestaltung der Präsentationen, explizit in der Auswahl und Kontextualisierung der Objekte, wider? Oder beschränken sich aktuelle Darstellungen auf die gleichen Inhalte und Botschaften wie zu Beginn der Frühen Neuzeit?
Doch zunächst zu den Anfängen der Völkerkundemuseen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wohl jedem sind die als typisch deklarierten Kultgegenstände bekannt, die noch heute häufig mit dem exotisch Fremden verbunden werden. Objekte dieser Art, sprich zeremonielle und rituelle Gegenstände, wie zum Beispiel Musikinstrumente, aber auch Alltagsdinge, die nicht den europäischen Gepflogenheiten entsprachen und somit unbekannt waren, bildeten die materielle Grundlage der Ausstellungen. Bezeichnend für solch zeitgenössische Inszenierungen war die vollständig kontextlose Präsentation. Gebrauchszusammenhänge darzulegen schien den Verantwortlichen unnötig, ging es ihnen doch ausschließlich um die für europäische Sehgewohnheiten ungewohnte Ästhetik der Dinge. Diese Ausstellungsphilosophie entrückte die Objekte aus ihrem ursprünglichen Gebrauchskontext und vermittelte so eine gezielte Botschaft an den Betrachter. Es ging den Kuratoren nicht darum, ein ganzheitliches, möglichst wahrheitsgetreues Bild der jeweiligen Nation wiederzugeben. Stattdessen wurde die Kultur auf einzelne Aspekte, vor allem auf ihr Brauchtum und ihre handwerklichen Fähigkeiten, reduziert. Dem Besucher einer solch einseitig ausgerichteten Ausstellung wurde der Eindruck vermittelt, diese zwei Lebensbereiche seien die einzig existenten Bestandteile der Kultur ferner Länder.
Fähigkeiten auf anderen Gebieten, zum Beispiel in der Heilkunde oder der Architektur, wurden in den Darstellungen komplett ausgespart und den Kulturen somit offiziell abgesprochen. Da Völkerkundemuseen damals als einziges Medium „Wissen“ über fremde Kulturen weitergaben, prägte das dort vermittelte, reduzierte Bild des Exotischen die zeitgenössische Meinung der Öffentlichkeit maßgeblich, sodass die Vorstellung des einfältigen Wilden sich flächendeckend ausbreitete und festigte. Das Ziel, die Abgrenzung der eigenen Kultur von der wilder Bewohner anderer Kontinente, kann demnach als erreicht betrachtet werden. Diese Segregation sollte die technische, aber auch die geistige und zivilisatorische Überlegenheit der eigenen Nation gegenüber anderen Völkern unterstreichen und so die politische und militärische Vormachtstellung in den Kolonien rechtfertigen und unterstreichen. Die Museen fungierten in diesem Zusammenhang also als politischer Akteur, der sich der zeitgenössischen Situation unterordnete.
Zurück zur gegenwärtigen Situation. Das heute von den Medien vermittelte Bild des Verhältnisses der Nationen untereinander ist geprägt von Begriffen wie „Globalisierung“ und „Mobilität“. Sie implizieren eine Toleranz der Menschen gegenüber Fremdem, die demnach symptomatisch für unsere Zeit zu sein scheint. Eine Ahnung von den tatsächlichen Umständen bekommt man jedoch, wenn man bedenkt, dass die gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte den Kanon des Fremden um die Lebenswelt von Menschen mit Migrationshintergrund erweitert haben. Auch deren Leben gilt heute als exotisch und dessen Darstellung zieht die Menschen in die Museen wie einst die nordamerikanischer Indianerstämme. Hier tritt ein starker Widerspruch zum aktuellen Zeitgeist auf: Der Exotik – Begriff scheint, trotz aller Offenheit, nun auch Kulturen zu beinhalten, die geographisch und geschichtlich viele Gemeinsamkeiten mit der westeuropäischen Lebenswelt haben.
Doch welche Rolle spielt die Institution Museum innerhalb dieses Geflechts? In den Visionen und Vorstellungen zeitgenössischer Fachleute nimmt sie den Platz eines Forums und Kommunikationszentrums für Menschen unterschiedlicher Herkunft ein. Demnach soll dort ein Austausch angestoßen werden, der sich in Folge dessen auch auf den Alltag übertragen und die Integration unterstützen soll. Einen ersten Anfang hierfür bilden die zahlreichen Ausstellungen der letzten Jahre, die sich mit der Migrationsthematik befassen.
Doch es stellt sich die Frage, ob der Aufbau und die Gestaltung der Ausstellungen bei den Besuchern die gewünschten Effekte erzielen und die entsprechenden Inhalte vermitteln. Ein Anhaltspunkt dafür soll auch hier die Auswahl und Inszenierung der Objekte darstellen. Handelt es sich noch immer um dieselben, wurden sie durch neue, aber ebenso stereotype und symbolbeladene Dinge ersetzt oder ist man dazu übergegangen, der Vielfalt des Fremden Rechnung zu tragen?
Um darauf antworten zu können ist eine sorgfältige Betrachtung der Ausstellungen von Nöten. Dabei fallen dem aufmerksamen Beobachter verschiedene Ausstellungsstrukturen und damit verbunden unterschiedliche Objektgruppen auf. Deren Auswahl und Präsentation gibt immer auch Aufschluss über die Intention der Kuratoren und lenkt die Blickrichtungen der Besucher. Auffallend häufig werden Dinge gezeigt, die für den Vorgang des Ortswechsels stehen, wie zum Beispiel der Koffer, der in nahezu keiner dieser Ausstellung fehlt. Entscheidend ist bei diesem Objekt nicht seine Ästhetik oder sein Erhaltungszustand. Auch seine Herkunft und Authentizität spielen eine untergeordnete Rolle. Es geht ausschließlich um seinen Symbolgehalt. In dieser Funktion vermittelt er dem Betrachter vor allem eine Botschaft: Migration ist gleichzusetzten mit einer erzwungenen Flucht, die größeres Gepäck nicht erlaubt. Aber ist das nicht ein sehr eingeschränkter Blickwinkel? Mit dieser Darstellung und der dahinterstehenden Interpretation lenkt der verantwortliche Kurator die Sicht nur in diese Richtung und schließt damit die Mehrzahl an Migrationsgründen aus. Unter dem historisch vergleichenden Gesichtspunkt viel interessanter sind die Ausstellungen, die sich damit rühmen der Vielfalt an Migranten gerecht zu werden und sie alle zu vertreten. Davon abgesehen, dass dieser Anspruch unerreichbar hoch gegriffen ist, steht die Frage zur Debatte, wie sie definiert wird. Offiziell gibt es dabei von Seiten der Museen keine Begrenzungen doch es stellt sich die Frage, ob die Auswahl nicht doch (un-)bewusst gewissen Richtlinien unterworfen ist. Letztlich ist dieser Ausstellungstyp, wie ethnologische Museen auch, geprägt von einzelnen Objektgruppen die sich im Kanon musealer Präsentationen häufen. So finden sich in nahezu allen Migrationsausstellungen neben den obligatorischen Koffern Reisepässe, Fotos und auch Utensilien, die zum Beispiel für die Zubereitung landestypischer Gerichte benötigt werden oder als Teil ritueller, religiöser oder kultischer Zeremonien genutzt werden. Auffällig ist dabei der ausgesuchte Lebensbereich, dem die entsprechenden Themen entnommen sind. Es handelt sich dabei meist um Bereiche, bei denen sich die Gewohnheiten und Objekte von den eigenen Unterscheiden. Diese Selektion möchte also bewusst auf Lebensbereiche hinweisen, die dem Besucher etwas Neues und Unbekanntes zeigen – und ist den früheren Intentionen somit sehr ähnlich.
Es bleibt die Überlegung, ob es für Museen überhaupt eine Möglichkeit gibt, der Migrationsthematik, oder weitergefasst dem Thema Fremde allgemein, mittels Objekten gerecht zu werden oder ob eine Einschränkung nicht unumgänglich ist. Da es wohl unmöglich ist, die Differenziertheit aller Lebensentwürfen darzustellen, wird es eine Zukunftsaufgabe für die Museen, eine wirklich befriedigende Lösung zu finden, die tatsächlich mit den Mitteln und Möglichkeiten einer musealen Institution umgesetzt werden kann.

Literatur
Arbeitskreis Migration im Deutschen Museumsbund (Hg.): Museen, Migration und kulturelle Vielfalt: Handreichung für die Museumsarbeit. O.O. 2013. Offizielle Handreichung des Arbeitskreises Migration des Deutschen Museumsbundes. Nach der Darlegung von Bedeutung, Situation sowie dem Auftrag und den Zielen der Museen, bietet diese Veröffentlichung konkrete Hilfestellungen und Ratschläge.
Bahnson, Kristian: Ueber ethnographische Museen. Mit besonderer Berücksichtigung der Sammlungen in Deutschland, Oesterreich und Italien. In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 18 (1888), Nr. 1, S. 109 – 164. Dieser zeitgenössische Artikel gibt einen interessanten und bereichernden Einblick in die Umstände und Vorstellungen der damaligen Zeit – wie das Fremde angesehen, dargestellt und aufgenommen wurde.
Baur, Joachim: Die Musealisierung der Migration. Einwanderungsmuseen und die Inszenierung der multikulturellen Nation. Bielefeld 2009. Neben einer theoretischen Einführung in die Thematik zeigen ausgewählte nationale Beispiele, wie verschiedene Nationen das Migrationsthema museal bearbeiten.
Dauschek, Anja/Gritschke, Caroline: Der transkulturelle Blick – Migration im Stadtmuseum des 21. Jahrhunderts am Beispiel des geplanten Stadtmuseums Stuttgart. Online im Internet: URL: http://www.museumsverband-bw.de/fileadmin/user_upload/mvbw/pdfs/Tagungsvortraege/2008/Dauschek-Gritschek-Transkultureller_Blick.pdf (Stand: 12.9.2013). Kurzer Text über die Anforderungen, die das Thema Migration an die Museen stellt sowie über mögliche Lösungsansätze. Beispielhaft werden die Situation und die Ansätze des neuen Stuttgarter Stadtmuseums geschildert, das sich während seiner Konzeption intensiv mit der Thematik auseinandersetzte.
DOMiD – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V.: Startseite der Homepage. Online im Internet: URL: http://www.domit.de/de (Stand: 23.04.2014). Der Verein setzt sich für die museale Darstellung von Migration ein und hat auf diesem Gebiet bereits einige Projekte und Ausstellungen durchgeführt. Seine Homepage bietet inhaltliche Ansatzpunkte sowie Links zu weiteren Seiten und Hinweise auf eigene Publikationen.
Hampe, Henrike (Hg.): Migration und Museum. Neue Ansätze in der Museumspraxis. 16. Tagung der Arbeitsgruppe Sachkulturforschung und Museum in der deutschen Gesellschaft für Volkskunde, Ulm 7. – 9.10.2004. Münster 2005; Wonisch, Regina/Hübel, Thomas (Hg.): Museum und Migration. Konzepte – Kontexte – Kontroversen. Bielefeld 2012. Diese Bände tragen unterschiedliche Meinungen und Ansätze zum musealen Umgang mit Migration zusammen und bieten demnach einen guten Überblick über die unterschiedlichen Facetten der Debatte.
Hog, Michael: Ziele und Konzeptionen der Völkerkundemuseen in ihrer historischen Entwicklung. Frankfurt am Main 1981. Der Autor beschreibt die Entwicklungsgeschichte der Völkerkundemuseen, beginnend in ihren Anfangsjahren bis zur Situation zu Beginn der 1980er Jahre.
Laukötter, Anja: Von der „Kultur“ zur „Rasse“ – vom Objekt zum Körper? Völkerkundemuseen und ihre Wissenschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bielefeld 2007. Die Autorin setzt sich nicht nur mit den musealen Präsentationen des Fremden auseinander sondern geht darüber hinaus auch auf die wissenschaftlichen Theorien und Hintergründe der Fachdisziplin ein.
quai Branly museum: Musée du Quai Branly. Là où dialoguent les cultures. Online im Internet: URL: http://www.quaibranly.fr/en/ (Stand: 24.04.2014). Das Museum ist eines der neuesten und bekanntesten ethnologischen Museen. Es ist für den aktuellen Diskurs vor allem wegen seines Ausstellungsaufbaus von Interesse: Der Fokus liegt hier, ganz im Sinne der ursprünglichen Völkerkundemuseen, auf der Ästhetik der ausgestellten Objekte.
Museumskunde 75 (2010), Nr. 1. Diese Ausgabe der Zeitschrift trägt den Titel „Migration“ und setzte sich intensiv mit dem Diskurs auseinander. Es finden sich Beiträge unterschiedlicher Autoren (z.B. Joachim Baur, Dietmar Osses, Michael Fehr, Stefan Brensky) darin, die das Thema von unterschiedlichen Standpunkten aus beleuchten.
Staatliche Ethnographische Sammlungen Sachsen: GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig. Online im Internet: URL: http://www.mvl-grassimuseum.de/index.php?id=9 (Stand: 15.12.2013). Das Grassi Museum zählt zu den ältesten völkerkundlichen Museen Deutschlands und hat seit seiner Eröffnung viele Veränderungen und Trends erlebt. Seine Geschichte ist demnach beispielhaft für die Entwicklung dieser Museumsgattung.