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Musik als Ausstellungsobjekt!? Über immaterielles Kulturgut im Museum – Music as exhibit!? About intangible cultural heritage in museums

Museale Vielfalt – Diversity of museums

Von Skeletten und Mumien über Gemälde und Statuen bis hin zu Alltagsgegenständen und Kinderspielzeug. Von winzig bis riesig. Egal ob kulturhistorisch wertvoll, unterhaltsam, fragwürdig oder gar umstritten. Gegenstände zu sammeln liegt in der Natur des Menschen. Nach unserem heutigen Kulturverständnis werden Objekte nicht nur privat, sondern auch institutionell gesammelt. Besonders bedeutendes Kulturgut soll dabei primär in Museen bewahrt und der Bevölkerung in Ausstellungen zugänglich gemacht sowie möglichst adäquat vermittelt werden. Durch die Möglichkeit des Sammelns entsteht eine fast unerschöpflich wirkende Vielfalt an Exponaten und darüber hinaus eine völlig diametrale Museumslandschaft. Es sind kaum Objekte vorstellbar, die noch nicht ausgestellt wurden oder werden könnten. Trotzdem sind die bekanntesten Museumstypen Kunst-, Natur- und Technikmuseen sowie Sammlungen mit geschichtlichen und völkerkundlichen Schwerpunkten. Die Räumlichkeiten der Ausstellungsorte können dabei zwischen speziell für museale Ausrichtungen entworfenen Bauten, umfunktionierten historischen Gebäuden und authentischen Orten variieren, die den Ursprungsort der Objekte selbst zum Ausstellungsraum machen.

Materielle vs. immaterielle Kultur – Material versus intangible cultural heritage

Die erwähnten Museumstypen haben in der Regel gemeinsam, dass die meisten Exponate materielle Eigenschaften besitzen. Teilweise ist dies auch durch die Themen der Museen bedingt. So gibt es zu frühgeschichtlichen Themen meist keine immateriellen Überlieferungen. Neben dem materiellen Kulturerbe existieren aber auch verschiedene immaterielle Kulturgüter, die in Museen ausgestellt werden. Die Deutsche UNESCO-Kommission e.V. definiert immaterielle Kultur als „Bräuche, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten – sowie die dazu gehörigen Instrumente, Objekte, Artefakte und kulturellen Räume […], die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen.“ Dazu gehören beispielsweise Sprachen, menschliches Wissen, verschiedene Bräuche und Tänze sowie Musik. Im Gegensatz zu immaterieller Kultur scheint es auf den ersten Blick einfacher, konkrete Gegenstände auszustellen als Objekte, die durch ihre immateriellen Eigenschaften abstrakt und wenig greifbar wirken. Trotzdem bemühen sich Museen, auch immaterielle Kultur angemessen auszustellen. Wie aber kann sie adäquat gesammelt, bewahrt und vor allem dargestellt werden? Am Beispiel von Musik als immaterielles Kulturgut im Museum soll eine erste Annäherung an diese Fragestellung erfolgen.

Musik zwischen materiellem und immateriellem Kulturgut im Museum – Music between material and intangible cultural heritage in museums

Als erstes muss überlegt werden, was unter der Bezeichnung Musik im Museum verstanden wird. Ausgestellt werden können in Bezug auf Musik nämlich durchaus materielle Objekte wie Nachlässe von Komponisten in Form von Alltagsgegenständen, Instrumenten sowie Entwürfen und Skizzen zu Werken. Außerdem kann es Gemälde, Büsten und Statuen sowie weitere thematische Gegenstände geben, die zeit- und kulturhistorisch in das Leben des Komponisten eingebettet sind. Die musikalisch-visuelle Ebene ist daher vergleichbar mit anderen materiellen Exponaten von Museen. Bei der auditiven Ebene – die bei der Musik das eigentlich bedeutende ist – wird es deutlich schwerer, sie in irgendeiner Form auszustellen. Denn Musikstücke und Lieder sind zwar durch die heutigen technischen Tonträger und zahlreichen exzellent ausgebildeten Interpreten gut aufzuzeichnen und zu bewahren, diese allerdings in Museen so lebhaft und emotional wie möglich für die Besucher darzustellen, ist eine ernsthafte Herausforderung. Natürlich könnte jeder Museumsraum relativ einfach durch technische Medien mit Musik beschallt werden. Dies kann aber nicht Sinn und Zweck einer musealen Musikvermittlung für diametrale Bevölkerungsgruppen sein. Das Problem, etwas Nicht-Sichtbares in einem Museum auszustellen, kann momentan nicht als gelöst angesehen werden. Wie Museen mit musikalischem Schwerpunkt mit dieser Aufgabe umgehen, ist verschieden.

Zur Darstellungsweise von Musik im Museum – Representation of music in museums

Je nach Art des Musikmuseums gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit musikalischen Elementen umzugehen. Anhand der Erläuterung der beiden verbreitetsten Typen von Museen mit musikalischer Ausrichtung – den Musikermuseen und Musikinstrumentenmuseen – soll herausgefunden werden, wie Musik im Museum dargestellt wird. Musikermuseen befinden sich gewöhnlich an einem authentischen Ort, an dem ein Komponist – meist der ernsten Musik – einmal gelebt hat. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das Beethoven-Haus in Bonn, in dem Ludwig van Beethoven im Jahre 1770 zur Welt kam. Beethovens Leben und Werk wird in dessen Geburtshaus mittels materieller Exponate vermittelt. Daneben gibt es unter anderem auch einen Kammermusiksaal und spezielle Führungen, die mit Konzerten enden. Gleichzeitig versteht sich das Beethoven-Haus als die weltweit größte Forschungsstätte über den Komponisten. Im Digitalen Beethoven-Haus können an Computern im Internet sämtliche digitalisierten Exponate genauer betrachtet werden, Publikationen gelesen und Beethovens Werke angehört werden. Für Kinder gibt es die Internetseite Hallo Beethoven, auf der sie Wissenswertes über den Komponisten lernen können. In einem speziellen Konzept der Musikvisualisierung wird unter anderem ein etwa 20-minütiger Ausschnitt aus Beethovens einziger Oper Fidelio in neuartiger Weise präsentiert. Dabei haben die vier vorkommenden Charaktere der Oper verschiedene Formen und Farben. Der Museumsbesucher hört das Werk in einem abgedunkelten Raum umgeben von mehreren Lautsprecheranlagen an und sieht gleichzeitig auf einer Leinwand mit einer 3D-Brille die Musikvisualisierung. Währenddessen kann er die Bewegungen der Charaktere selbst steuern. Ziel dieser Klangprojektion ist es, eine Form zu finden, Musik zu visualisieren und den Besucher aktiv mit einzubinden, sodass er Teil des Werkes wird.

Die Musikinstrumentenmuseen stellen – wie der Name schon sagt – die verschiedensten Musikinstrumente aus. Diese umfassen beispielsweise in der Berliner Sammlung kostbare Raritäten, Kuriositäten aber auch die bekannten, üblichen Orchesterinstrumente. Ähnlichkeit zu den Musikinstrumentenmuseen haben die sogenannten Klingenden Museen in Berlin und Hamburg. Der Unterschied besteht darin, dass die Klingenden Museen in erster Linie Kindern die verschiedensten Instrumente vorstellen. Ebenso wie in den mobilen Projekten dieser Museen, die beispielsweise Kindergärten besuchen, darf hier alles angefasst und ausprobiert werden. Der anfangs erwähnte Zweck von Museen, Kulturgut zu sammeln, zu bewahren und auszustellen wird dadurch allerdings nur teilweise erfüllt, da das größte Augenmerk auf der Vermittlung für Kinder liegt und es sich deshalb nicht um wertvolle Gegenstände handelt. Seltener gibt es weitere Museen, bei denen Musik im Mittelpunkt steht wie beispielsweise Jazzmuseen, die eine musikalische Gattung behandeln. Darüber hinaus werden musikalische Themen auch häufig in Museen mit anderen Schwerpunkten in Sonderausstellungen gezeigt oder einzelne musikalische Ausstellungsobjekte in Dauerausstellungen integriert. Museale Themen werden damit oft interdisziplinär betrachtet und in verschiedenen Kontexten vermittelt. So können in Technikmuseen Medien zur Produktion und Wiedergabe von Musik stehen, in kulturhistorischen und archäologischen Museen Instrumente bestimmter Regionen und Kulturen gezeigt werden oder in Kunstmuseen Kunstwerke von Komponisten oder Bilder, die von Musik inspiriert wurden, ausgestellt sein.

Schlussbetrachtung – Conclusion

Musik im Museum ist nicht rein immateriellen Charakters, sondern wird häufig auf einer materialisierten Ebene dargestellt. Musikmuseen besitzen häufig ein angeschlossenes Forschungsinstitut und einen Konzertsaal, in dem regelmäßig Musikveranstaltungen stattfinden. In den Museen selbst findet man dabei wenige rein auditive Elemente. Klangliche Eindrücke können aber durch Audioguides ergänzt werden. Musiker-Museen und Musikinstrumentensammlungen verstehen sich primär als Bewahrer und Vermittler ernster Musik. Das Ziel solcher Museen ist dasselbe wie das der anderen Museumstypen: In erster Linie sollen wertvolle Objekte gesammelt, bewahrt, ausgestellt und somit einem möglichst großen Publikum vermittelt werden, damit das kulturelle Erbe – egal ob materiell oder immateriell – von Generation zu Generation weiter getragen und weiter erforscht werden kann.

Bibliographie – Bibliography

Trotz der großen Rolle, die Musik in unserer Gesellschaft und auch in Museen einnimmt, gibt es kaum Literatur zu dem Thema Musik im Museum. Einige interessante Quellen sind im Folgenden zu den einzelnen Überschriften des Essays zusammengefasst:

Museale Vielfalt – Diversity of museums

Graf, Bernhard; Rodekamp, Volker (Hg.): Museen zwischen Qualität und Relevanz. Denkschrift zur Lage der Museen, Berlin 2012 (Berliner Schriftenreihe zur Museumsforschung, 30)

Vieregg, Hildegard Katharina: Museumswissenschaften. Eine Einführung, Paderborn 2006

Materielle vs. immaterielle Kultur – Material versus intangible cultural heritage

http://www.unesco.de/immaterielles-kulturerbe.html http://www.unesco.de/fileadmin/medien/Dokumente/Bibliothek/%C3%9Cbereinkiommen_zur_Erhaltung_des_immateriellen_Kulturerbes_2013.pdf

Zur Darstellungsweise von Musik im Museum – Representation of music in museums

Auflistung und Links zu allen Musikermuseen in Deutschland: http://www.musikermuseen.de/

Musikinstrumentenmuseen:

Martius, Klaus: Zwischen Vitrine und Virtualität – Restaurierung und Dokumentation Historischer Musikinstrumente in einem Museum, in: Musik zwischen Materialität und Virtualität. Musikologische Feldforschung und eLearning in 2D- und 3D-Umgebunden, hrsg. von Martina Claus-Bachmann, Giessen 2012, S. 9-24

Schrammek, Winfried: Musikwissenschaft und Musikinstrumenten-Museum, in: Musikwissenschaft und Berufspraxis, hrsg. von Sabine Ehrmann-Herfort, Darmstadt 1996, S. 163-171

Berliner Musikinstrumentenmuseum: http://www.sim.spk-berlin.de/mim_3.html

Auf folgender Internetadresse des Berliner MIM befinden sich Links zu weiteren bekannten Musikinstrumentenmuseen: http://www.sim.spk-berlin.de/links_365.html

Musik zum Anfassen für Kinder: http://www.musikaktionen.de/

Dazugehöriger Artikel: Bradke, Michael: Das Mobile Musik Museum – seine Sammlungen und Anregungen für die Praxis, in: Hören lernen. Musik und Klang machen Schule, hrsg. von Ludowika Huber und Joachim Kahlert, Braunschweig 2003, S. 113-121

http://www.klingendes-museum.de/

Beethoven-Haus Bonn:

Hettrich, Ernst; Timmer, Ursula: Beethoven-Haus Bonn. Ziele, Aufgaben, Arbeitsbereiche, Gremien, Adressen, Bonn 2001

www.beethoven-haus-bonn.de/ www.beethoven-haus-bonn.de/sixcms/detail.php?id=39097&template=&_mid=39097

Kinderseite: http://www.beethoven-haus-bonn.de/hallo-beethoven/

Multimediale/interdisziplinäre Konzepte: Mette, Hanns-Ulrich: „Musik zum Sehen“ im Museum (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn), in: Museumspsychologie. Erleben im Kunstmuseum, hrsg. von Martin Schuster und Hildegard Ameln-Haffke, Göttingen 2006, S. 303-317

Rihl, Gerhard: Science/Culture: Multimedia. Kreativstrategien der multimedialen Wissensvermittlung, Wien 2007