Sanierungsbedarf im Kunstmuseum?

Kunstmuseen. Sie entstanden durch private oder auch adelige Sammler und Mäzene oder durch staatliche Initiative im national geprägten 19. Jahrhundert. In ihrer Präsentationsform sind sie heute oft noch geprägt von ihrer Entstehungszeit. Die „Alten Meister“ in Kunstmuseen werden häufig wie folgt präsentiert: farbige Wände, um die Gemälde kontrastiv abzusetzen oder um die Herkunft der Künstler zu signalisieren: Blau für die Flamen und niederländischen Meister, Grün für die deutsche Kunst, Rot für die Italiener. Moderne Kunst findet sich meist im „White Cube“-Prinzip, also Kunst im weißen Ausstellungsraum, wieder. Objekt- und Bereichstexte, Audioguides und zum Teil auch Medienstationen geben dem Besucher Hintergrundinformationen zum Kunstwerk, zum Künstler, zum Stil und zur Epoche. In Sinus Studien zeigt sich, dass der Typus Kunstmuseum im Gegensatz zu anderen Museumstypen eher einen geringen Besucheranteil einnimmt. Natürlich gilt das nicht für die weltbekannten Kunstmuseen wie dem Louvre, dem Prado oder den Uffizien, zu denen Touristenmassen strömen und zu denen auch Nicht-Kunstkenner und Nicht-Kunstliebhaber hinfinden. Es gilt auch nicht für Blockbuster Ausstellungen wie zum Beispiel „Gesichter der Renaissance“ im Bode Museum Berlin (2011) oder die Dürer-Ausstellung im Frankfurter Städel (2013). Es geht hier auch nicht um die Bildungsbürger oder Kunststudenten, die aus Tradition und Interesse sowieso Kunstmuseen besuchen. Es geht um diejenigen, die keinen Bezug zur Kunst an sich haben. Es geht um den Nicht-Besucher von Kunstmuseen. Was fehlt ihnen im Kunstmuseum? Ist es die gehobene, intellektuelle Stimmung, die oft in Kunstmuseen vorherrscht? Oder darf man sich fragen, ob es vielen in Kunstmuseen schlichtweg zu langweilig ist? Durch Vermittlungsangebote wie Führungen und Workshops oder auch Konzert- und Kinoevents, Sekt- und Kaffeekränzchen ist das Kunstmuseum innerhalb der letzten Jahre sehr aktiv geworden. Doch diese Angebote sind nur durch personale Vermittlung möglich, müssen hinzugebucht werden oder finden außerhalb des Ausstellungsraumes statt. Ein Beispiel für vermittelnde Elemente außerhalb von Ausstellungsräumen ist das Museum im Kulturspeicher Würzburg. Zu jeder Sonderausstellung gestaltet die Museumspädagogik so genannte „Kreativtische“, an denen sich Besucher über die Ausstellung hinaus informieren und selbst kreativ und künstlerisch tätig werden können.

Aber muss es nicht auch ohne Zusatzangebot gehen? Und warum muss Vermittlung  außerhalb der Ausstellungsräume passieren? Müssen Kunstwerke im Museum für sich alleine stehen?

Mein Blog-Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, ob es nicht Zeit für ein Umdenken innerhalb der Präsentationsweise in Kunstmuseen ist und welche Möglichkeiten es gibt um etwas zu verändern. Zwei Ansätze erscheinen mir sinnvoll. Vielleicht ist es möglich durch das Erleben von Kunst mehr Menschen von dieser zu begeistern und zum Besuch in Kunstmuseen anzuregen (Part I). Der zweite Ansatz (Part II) betrifft das Thema Partizipation. Ist es möglich durch Partizipation dem Kunstmuseum neu zu begegnen und so das Interesse an diesem Typus zu steigern?

Zunächst sollen die Gedanken zum Part I erläutert werden. Part II folgt.

Part I: Erlebnis Kunst – Kunst erleben

Kunst auf einer anderen Art und Weise als die der visuellen zu begegnen. Diesen Ansatz fand ich auf einer Exkursion nach Amsterdam wieder. Im Folgenden möchte ich darlegen, dass Kunstpräsentation sehr vielfältig sein kann.

Das 1973 eröffnete Van Gogh Museum Amsterdam zeigt in seinen Ausstellungsräumen die weltweit größte Van Gogh Sammlung sowie westliche Kunst von 1840 bis 1920. Die Ausstellung „Van Gogh at work“ (01.05.2013 – 12.01.2014) warf einen Blick auf die Arbeitsweise des Künstlers Van Gogh. Neben den 200 Gemälden, Papierarbeiten, Skizzen und schriftlichen Dokumenten Van Goghs und anderer Künstler sowie Materialien und Künstlerhandbüchern aus dem 19. Jahrhundert ging die Ausstellung vertiefend auf den Materialeinsatz Van Goghs und seine künstlerischen Techniken ein. Seit 2005 hatte ein multidisziplinäres Team, zu dem das Van Gogh Museum, der Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed (RCE) und Shell Niederlande gehörten,intensiv Material und Techniken Van Goghs erforscht und neue Erkenntnisse über den Künstler gewinnen können. Der Besucher erhielt nicht nur über erläuternde Texttafeln Informationen zur  Materialverwendung und Techniken Van Goghs, sondern konnte selbst erfahren, wie Van Gogh diese nutzte und wie seine verwendeten Farben sich einander beeinflussen. Dafür standen unter anderem Mikroskope bereit, mit deren Hilfe man einzelne Farbmuster in Gemälden untersuchen kann. Zudem gaben Röntgenfotos tiefe Einblicke in die Kunstwerke Van Goghs. Die Ausstellung ging mit ihrem Laborcharakter neue Wege und konnte so vielleicht Kunst  auch für diejenigen reizvoll machen, die sonst für Kunstmuseen kein großes Interesse zeigen. Die Sinne ansprechen und der Kunst auf eine andere Art und Weise begegnen als sie nur im Stillen zu betrachten, das haben auch weitere Museen in Amsterdam ausprobiert. Die Sonderausstellung „Gauguin, Bonnard, Denis. Eine russische Liebe für die französische Kunst“ (14.09.2013 – 28.02.2014) der Hermitage Amsterdam legte ihren Fokus auf die Ende des 19. Jahrhunderts beziehungsweise Anfang 20. Jahrhundert agierende Künstlergruppe Les Nabis. Inspiriert von Paul Gauguin, war ihnen, im Gegensatz zu den Impressionisten, nicht die Momentaufnahme des Lichts in der Natur, sondern Farbe, Gefühl, Symbolik und Vorstellungskraft (Flyer Hermitage) wichtig. Der russische Sammler Iwan Morosow war fasziniert von dieser modernen französischen Kunst und erstand des Öfteren Werke der Nabis. 1907 beauftragte er Maurice Denis den Musiksalon in seinem Moskauer Stadtpalais  auszuschmücken. Thematischen Hintergrund im Musiksalon bildete die Geschichte von Amor und Psyche. Inspiriert von der italienischen Landschaft, entstanden sieben Gemälde sowie sechs Dekorationspaneele, die die mythologische Erzählung darstellten. Diesen in der ganzen Stadt bekannten Salon rekonstruierte die Hermitage nun für ihre Besucher. Innerhalb einer dunkelblauen Scheinarchitektur leuchteten Nachbildungen der Werke Denis. Ganz im Sinne des Moskauer Originals begleitete den Besucher beim Umhergehen in dieser illusionistischen Szenerie Konzertflügelmusik und machte den Museumsrundgang zu einem kleinen visuellen und auditiven Erlebnis. In den weiteren Ausstellungskabinetten wurden die Werke der Nabis zusammen mit der Kunst ihrer Vorgänger, Zeitgenossen und Nachfolger präsentiert. Zeitlich zwischen 1890 und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges entstanden, wiesen die Werke ein breit gefächertes Themenrepertoire auf: Straßenszenen, Landschaften, religiöse Themen, Portraits sowie Interieur Szenen. Die Ausstellungsmacher griffen auch hier auf das Reizen der Sinne zurück. Ging man an den Gemälden vorbei, ertönten aus kleinen, etwas versteckten Lautsprechern Geräusche, die man sofort mit den einzelnen Werken assoziierte. Bei Pierre Bonnards Landschaft mit Zug und Lastkähnen (1909 ) sah man nicht nur die Dampflok mit Rauchwolken durch die Landschaft ziehen, sondern hörte dazu das Rollen der Räder und Tuten der Lok. Das gleiche Prinzip fand sich bei der Interieur Szene Frau am Klavier (1904) von Félix Vallotton wieder. In einem von Sonnenlicht sanft durchfluteten Zimmer mit offenem Fenster, das den Blick hinaus in einen Garten oder Park zulässt, spielt eine Dame am Klavier und konzentriert sich, wie es scheint, ganz auf ihre Noten. Beim Betrachten des Gemäldes hörte man im Hintergrund ein Klavierstück und konnte sich in das Gemälde hineinversetzen.

Als Besucher ist man zunächst überrascht, denn es gehört nicht zur Regel Gemälde „hören“ zu können. Es stellt sich natürlich die Frage inwieweit sich Besucher bei ihrem Rundgang gestört fühlen könnten. Und werden die Ausstellungsmacher mit ihren auditiven Assoziationen dem Künstler und seinem Werk überhaupt gerecht? Besteht nicht die Gefahr schnell dem Kitsch zu verfallen? Der Besucher wird ohne Vorbereitung auf diese audiovisuelle Ausstellungsreise geschickt. Sollte man den Besucher zuvor informieren, was ihn innerhalb seines Rundgangs erwartet oder würde die Methode dann ihren Reiz verlieren? Es mag hierauf vielleicht (noch) keine Antwort geben und wahrscheinlich wird man den Ansprüchen der Kunst auch so nicht immer genügen können. Dennoch, diese assoziative und sinnesreizende Interpretationsweise ermöglicht ein Erleben der Kunst auf ganz neue Weise.

Das dritte Beispiel einer neuen Art der Kunstpräsentation führt uns in das Scheepvaartsmuseum Amsterdam (Schifffahrtsmuseum). In den drei großen Ausstellungsbereichen „West“, „Noord“, „Oost“ dreht sich alles um die See, die die niederländische Kultur seit Jahrhunderten prägt. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich ein großer Markt für Marinestücke. Die Seeindustrie war zu dieser Zeit ein wesentlicher Antriebsmotor für die niederländische Wirtschaft und der Stolz der Nation. Auch in den nächsten Jahrhunderten nahm der Trend für Seestücke nicht ab und künstlerische Strömungen wie die Romantik und der Impressionismus fanden Zugang zu diesem Sujet. In der Ausstellung „The Paintings“ zeigt das Schifffahrtsmuseum seine qualitative Sammlung von Marinestücken. Hierbei setzt man auf eine andere Präsentationsform als es sonst in Gemäldeausstellungen üblich ist. Der Besucher läuft auf einem etwas höher gelegenen Holzdielen-Rundweg, der an Schiffsplanken erinnert, durch die Ausstellung. Links und rechts neben dem Weg symbolisiert ein dunkelblau schimmernder Boden die See und grau-blaue Wände einen Seehimmel. Die Gemälde sind an Metallstangen angebracht, mal näher und mal weiter weg, mal niedriger und mal höher aufgehängt und „tanzen“ auf dem Meer. Lichtspots helfen die einzelnen Gemälde hervorzuheben. Die Objektschilder sind an einem umlaufenden Geländer angebracht, das wie eine Schiffsreling wirkt. Die Ausstellungsmacher lassen den Besucher der Gemäldeabteilung durch ihre maritime Inszenierung in die Zeit der Seefahrer und des Seehandels eintauchen. Nicht mehr das Betrachten der Gemälde alleine steht im Vordergrund, sondern das Erleben und Wohlfühlen.

Selbst tätig sein, Kunst erleben, fühlen, hören und nicht nur sehen, vielleicht ist das ein neuer, neben der herkömmlichen Art und Weise zusätzlicher Ansatz innerhalb der Kunstpräsentation, der es schafft mehr Menschen von Kunst und dem Besuch in einem Kunstmuseum zu begeistern.

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