Exhibiting Trauma – Trauma im Museum?

A museum has many functions and aims, it may even be a place were visitors can come to terms with their trauma. First, trauma can be divided into an individual trauma and a cultural trauma. Cathy Caruth defines individual trauma as the delayed and uncontrolled reactions to a sudden and catastrophic event. Jeffrey C. Alexander describes the cultural trauma as the experience of a community to a horrendous event which marks their group consciousness and changes their collective identity and collective memory. Second, with focus on the terrorist attacks from 9/11, four stages of a museification can be detected: participative street memorials are followed by museums collecting the artefacts from those memorials and as a third step exhibit them in temporary exhibitions. The fourth step is the building of a permanent memorial. To heal the wounds of the affected society, citizens and museum visitors have to actively participate in the museification process of the event.


Welche Funktionen kann ein Museum übernehmen? Und welche Ziele kann ein einzelnes Museum für sich selbst bestimmen? Laut der Definition der ICOM übernimmt ein Museum im Umgang mit Kulturgütern, seien sie materiell oder immateriell, die Funktionen Erwerben, Konservieren, Forschen, Vermitteln, Ausstellen. Diese Funktionen dienen dem Zweck der Erziehung, des Lernens und auch der Unterhaltung.

Für mich stellt sich an genau dem Punkt des Zwecks eines Museums die Frage, ob es nicht noch mehr Ziele gibt, die ein Museum mit seiner Arbeit erreichen kann, als die, die von der ICOM aufgestellten wurden. Kann es nicht auch Erinnern und Mahnen? Und wäre ein Museum nicht vielleicht auch ein Ort um ein Trauma zu verarbeiten?

Um sich dem Trauma-Begriff zu nähern, ist es hilfreich zwischen individuellem Trauma und kulturellem Trauma zu unterscheiden. Cathy Caruth definiert ein persönliches Trauma als die überwältigende Erfahrung eines plötzlichen oder katastrophalen Ereignisses. Eine Reaktion auf dieses Ereignis tritt meist verzögert und in unkontrollierten, sich wiederholenden Intrusionen (Bilder, Flashbacks, Albträume) auf. Geoffrey H. Hartman nimmt an, dass „uns Traumata immer mit Ängsten der absoluten Entfremdung und Isolation bedrohen“. In Zeiten medialer Verbreitung von Bildern, geht das individuelle Trauma oft Hand in Hand mit einem kulturellen Trauma wie es Jeffrey C. Alexander beschreibt:

Cultural trauma occurs when members of a collectivity feel they have been subjected to a horrendous event that leaves indelible marks upon their group consciousness, marking their memories forever and changing their future identity in fundamental and irrevocable ways“.

Wird die soziale Identität einer Gemeinschaft angegriffen und verwundet, kann ein kulturelles Trauma entstehen. Allerdings wird nicht jedes erschreckende Ereignis sofort zu einem kulturellen Trauma. Es kommt darauf an, wie die Gemeinschaft dieses Ereignis interpretiert und im Nachhinein davon erzählt. Denn ein kulturelles Trauma entsteht nicht im Moment des Ereignisses selbst. Nach J.C. Alexander kommt es auf “speeches, rituals, marches, meetings, plays, movies, and storytelling of all kinds“ an. Ein kulturelles Trauma beruht also darauf, wie die Gemeinschaft mit den Ereignissen umgeht und welches Narrativ sie für sich wählt.

Betrachtet man das Storytelling rund um eines der bisher größten kulturellen Traumata des 21. Jahrhunderts, den 11. September, können folgende Schritte des Trauma-Prozesses und einer Musealisierung der Ereignisse nachgezeichnet werden:

Als erste Form der Ausstellung können die Street Memorials im öffentlichen Raum New Yorks bezeichnet werden (digitale Memorial Sites – oft nicht greifbar und nicht den gleichen Vergänglichkeitsprozessen unterworfen wie Street Memorials – werden hier bewusst ausgeklammert). Diese provisorischen Gedenkstätten sind sowohl Zeichen der Trauer als auch des Nationalstolzes (das tendenziell patriotische und nationalistische Potential des Traumas wird auch von G. Hartman beschrieben) und sie sind in ihrer öffentlichen Funktion auch partizipativ: jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann sich an den Street Memorials beteiligen. Dadurch sind die einzelnen Objekte (Blumen, Plakate, Plüschtiere) Artefakte des öffentlichen Raums und zumeist von ihrer Vergänglichkeit geprägt. Nach Haskins und DeRose sind Street Memorials der Punkt, an dem individuelles Erinnern in die Öffentlichkeit gebracht wird und ein breiteres kulturelles Gedächtnis formt (Vgl. mit Street Memorials für Lady Diana, Olof Palme, Pim Fortuyn).

Der zweite Schritt des Musealisierungsprozesses und auch des Storytelling eines kulturellen Traumas, ist die Archivierung und Digitalisierung von Street Memorials durch Museen. Es entsteht ein geordnetes Erinnern, da die einzelnen Einrichtungen in diesem Prozess die Objekte auswählen, die Menge an Artefakten wird dadurch gefiltert. Dabei kommt es zu einer ersten Reflexion in der Errichtung eines kollektiven Gedächtnisses. Da die Ereignisse zum Zeitpunkt des Sammelns der Gegenstände noch sehr aktuell sind, wird vom Sammeln der Gegenwart (Collecting the Present) gesprochen. Durch den fehlenden zeitlichen Abstand zu den Ereignissen befindet sich die Reflexion und Interpretation der Objekte noch am Anfang und es kann davon ausgegangen werden, dass sich beides auch noch verändern wird.

Der dritte Schritt der Trauma-Narration des 11. Septembers sind die verschiedenen Sonderausstellungen, die von Häusern in New York und in anderen Städten kuratiert wurden. Diese Sonderausstellungen finden mit zeitlichem Abstand zu den Ereignissen statt. Ich möchte hier nur kurz auf zwei Ausstellungen eingehen: September 11 im Museum of Modern Art in New York City und Remembrance and Reflection im Smithonian in Washington, D.C. Beide Ausstellungen wurden zum zehnten Jahrestag des 11. Septembers eröffnet (das Smithonian hatte bereits zum ersten Jahrestag der Anschläge eine Sonderausstellung, die Sammlungsarbeit der Mitarbeiter ging aber danach noch weiter). September 11 im MoMA zeigt eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Ereignissen des 11. Septembers und den Reaktionen der Politik und Bevölkerung direkt danach. Remembrance and Reflection stellt einen Auszug aus der Sammlung des Smithonian des 11. Septembers dar; hier werden Objekte aus den Trümmern und von Opfern der Terroranschläge ausgestellt.

Der letzte Schritt ist die Einrichtung permanenter Gedenkstätten, oft direkt am Ort des Geschehens. Bereits durch eine besondere Architektur soll den Ereignissen gedacht werden. Obwohl bereits direkt nach dem 11. September 2001 eine provisorische Gedenkstätte am Ground Zero eingerichtet wurde und schließlich das Memorial im Jahr 2011, ist der Schritt zum National September 11 Memorial & Museum, das am 14. Mai 2014 eröffnet wurde, weitreichend. Das Museum soll laut eigenen Angaben die Auswirkungen des 11.Septembers untersuchen und dokumentieren und die Bedeutung, die die Ereignisse bis heute haben, erforschen. Nach Aussage der Museums Direktorin Alice Greenwald wird auch dieses Museum eine Möglichkeit zu Partizipation bieten.

Nach diesem Versuch einer kleinen Nachzeichnung des Musealisierungsprozesses des 11. Septembers 2001, ist das Thema Trauma im Museum hoffentlich greifbarer geworden. Durch Beteiligung von Bürgern und Besuchern im Museum wird zum Einen das kollektive Gedächtnis mitgeformt, zum Anderen liegt in der Partizipation die Möglichkeit zur Verarbeitung eines Traumas. Erst wenn durch aktive Beteiligung am kollektiven Storytelling teilgenommen wird, bekommt die eigene Stimme und Geschichte Bedeutung und Gewicht zugesprochen und der Verarbeitungsprozess (ähnlich wie in der Traumaverarbeitung durch therapeutisches Schreiben und in Traumaliteratur) kann beginnen.

Wie nun andere Gemeinschaften mit einem kulturellen Trauma umgehen und nach Formen der Verarbeitung suchen, ist im Einzelnen nicht abzusehen. Dennoch können Parallelen zum Prozess in den USA gezogen werden. Kulturelle Traumata können so der Tsumani 2006 in Indonesien und seine Folgen sein, die Attentate in Oslo und auf Utøya in Norwegen 2011 in Norwegen oder die Bombenanschläge in London 2005 sein. Wie die indonesische, norwegische oder englische Gesellschaft auch in Museen mit diesen Ereignissen umgeht und an der Verarbeitung eines Traumas arbeitet, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.


Weiterführende Links:

Bericht über Ausstellung im MoMA in der Arte-Mediathek:

http://videos.arte.tv/de/do_logout/videos/ausstellung_9_11_in_der_kunst–4141936.html

Artikel zur Eröffnung des 9/11 Memorials:

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/9-11-memorial-manhattans-neue-seele-a-778504.html

Bildergalerie zum 9/11 Memorial Museum:

http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/new-york110.html

Literatur:

Allgemein ist die Literaturlage zum Thema Trauma im Museum dürftig, gerade wenn es um gegenwärtiges Trauma geht (21. Jahrhundert). In Bezug auf einzelne Museen wird man immer wieder fündig und kann an einem einzelnen Beispiel die Darstellung von Traumata nachvollziehen; gerade Alexander geht auf einzelne traumatische Erlebnisse und auch deren Verarbeitung in der Öffentlichkeit und auch teilweise im Museum ein. Trotzdem fehlt mir ein Werk, dass das Thema Trauma und Trauma-Verarbeitung im Museum tatsächlich aufgreift.

Alexander, J.C. Trauma: A Social Theory. 2012.

Fokus auf das kulturelle Trauma; Beispiele kultureller Traumata im 20. Jahrhundert: Nanjing, Israel

Caruth, Cathy. „Unclaimed Experience: Trauma and the Possibility of History“. Yale French Studies, No. 79, Literature and the Ethical Question. (1991), pp. 181-192.

Caruth kommt aus der Literaturwissenschaft; Definition des individuellen Traumas stark an Freud angelehnt.

Etkind, Alexander. „Hard and Soft in Cultural Memory: Political Mourning in Russia and Germany“. Grey Room. 16 (Summer 2004).

Etkind zeigt den Unterschied zwischen Museen und Gedenkstätten anschaulich auf: Museen als diskursiv begreifbare und kritisierbare Institutionen vs. Gedenkstätten mit besonderer Architektur, nicht erreichbar für rationale Kriterien, ähnlich Kunstwerken.

Hartman, Geoffrey. Die Zukunft der Erinnerung und der Holocaust. 2012

Besonders interessant ist das Interview im letzten Kapitel des Buches. Hartman stellt dort seine Theorie zum individuellen Trauma (er geht aber auch auf kollektive Erfahrungen und Traumata ein) besser vor als in den vorangehenden Abschnitten. Hartman geht auch auf die nationalistischen Gefühle ein, die ein Trauma in der Gesellschaft und beim Einzelnen auslösen kann. Diese Seite des Traumas wird bei anderen (DeRose und Huskins in Van Orden im Bezug auf Street Memorials) einfach nur als Ausdruck des Stolzes dargestellt, was alles hinter diesem Stolz steckt, wird nicht beschrieben.

Margry, Peter Jan. „The Murder of Pim Fortuyn and Collective Emotions. Hype, Hysteria and Holiness in The Netherlands?“ in Etnofoor: antropologisch tijdschrift 16 (2003) p. 106-131.

Geht auf den demokratischen und vergänglichen Charakter von Street Memorials/ spontanious shrines ein und auf die verschiedenen Arten von Artefakten, die dort abgelegt werden.

Van Orden, Vanessa. „Exhibting Tragedy: Museums and the Representation of September 11“ (unpublished Masterthesis). 2004.

Geht auf die Musealisierungsprozesse rund um den 11. September ein, gerade in der Definition von Street Memorials kann man Alexanders Trauma-Theorie anwenden. Sie geht auch auf die Bildung eines kollektiven Gedächtnisses ein.

 

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