Mit Foucault den Zeitgeist erkennen

Abstract:
The following entry tries to explain how the concept of Michel Foucault’s “heterotopia” can identify a society’s spirit of time which means current orientation, norms and morals. To Foucault these “heterotopias” are “different places” which aren’t “normal” and positioned in parallel societies. A museum can also serve as a „different place“. Those places emerge when social groups aren’t accepted in society. Realizing the possibilities of „different places“ is important for museums to start taking part in current debates.

Was ist Zeitgeist? Alles im hier und jetzt. Denkweisen, Ansichten, Einstellungen, Weltanschauungen, Vorstellungen usw. Wie erkennt man neue Strömungen oder Entwicklungen? Und vor allem wie erkennt man solche „Orte“, die eher im Verborgenen weilen oder in einem Prozess aus dem Hintergrund in den öffentlichen Raum treten?

Michel Foucaults Konzept der Heterotopie begreift „andere Orte“ nicht als Utopien, sondern als reale Utopien, die sich dem „normalen“ Raum entziehen. Foucault beschreibt sie als „Gegenplazierungen“ oder „Widerlager“. Es sind Orte der Parallelgesellschaft, die sich den geltenden Normen entziehen und dort andere Regeln herrschen können. Ob ein bestimmter Ort ein gesellschaftlicher Gegenort ist oder nicht, liegt in der Betrachtungsweise jedes Einzelnen und liegt im jeweiligen Ermessen der Person. Foucault nennt als Beispiele solcher Heterotopien das Kloster, das Bordell, das Gefängnis, den Friedhof oder das Museum. Es geht hierbei um die Fixierung des Ungewöhnlichen an bestimmten Orten, die von Teilen oder Gruppen der Gesellschaft kontrolliert werden.

Warum das Museum für Foucault ein Gegenort ist, begründet er wie folgt:

„Museen und Bibliotheken sind Heterotopien, in denen die Zeit nicht aufhört, sich auf dem Gipfel ihrer selber zu stapeln und zu drängen, während im 17. und noch bis zum Ende des 18. Jahrhundert die Museen und Bibliotheken Ausdruck einer individuellen Wahl waren. Doch die Idee alles zu akkumulieren, die Idee, eine Art Generalarchiv zusammenzutragen, der Wille, an einem Ort alle Zeiten, alle Epochen, alle Formen, alle Geschmäcker einzuschließen, die Idee, einen Ort aller Zeiten zu installieren, der selber außer der Zeit und sicher vor ihrem Zahn sein soll, das Projekt, solchermaßen eine fortwährende und unbegrenzte Anhäufung der Zeit an einem unerschütterlichen Ort zu organisieren – all das gehört unserer Modernität an.“

Aber was bringt es uns, das Museum als gesellschaftlichen Gegenort zu betrachten? Warum werden Orte zu gesellschaftlichen Gegenorten? Foucault geht es um das kritische Hinterfragen von anderen Orten. Die Erfahrungen an anderen Orten können neue Formen hervorbringen, die zu einer weiteren Entwicklung innerhalb der Gesellschaft führen können. Andere Orte können als Reaktion auf gegenwärtiges politisches, gesellschaftliches oder wirtschaftliches Geschehen sein. Diese Orte erwachsen aus einem Bedürfnis der Menschen mit ähnlichen Wünschen und Absichten. Das Erkennen von Reaktionen, Wünschen oder Absichten gibt uns die Möglichkeit, den dahinterstehenden, bisherigen Prozess oder dem daraus erfolgten Produkt oder Ergebnis, also dem sogenannten Geist der Zeit, einen Namen zu geben.

Ein Museum bzw. eine Ausstellung entsteht als Reaktion auf etwas, was man beispielsweise anhand des „GLBT“ Museums darstellen kann. Die Geschichte der „Homo-, Bisexualität und der Geschlechtsidentität“ reicht Jahrhunderte zurück. Der Kampf um Rechte Homosexueller spielte sich an diversen Orten ab, an Gegenorten, da Homosexualität in Ländern teilweise verboten war und ist oder ihnen weniger Rechte zugesprochen wurden und immer noch werden. Das „GLBT“ Museum und das dazugehörige Archiv mit dem Titel „A Home for our Society“ sammeln die Geschichte, erinnern an die Zeit und werfen die bis heute noch existierenden Problematiken zu dem kontroversen Thema auf. Hier wird deutlich, dass dieses Museum das Produkt einer langen Geschichte und vieler Gegenorte ist.

Erst wenn die Homosexuellen die gleichen Rechte wie alle anderen haben und Toleranz gegenüber dem Thema geschaffen wurde, werden es keine Heterotopien mehr hinsichtlich dessen geben, denn dann lösen sich diese Gegenorte auf oder werden zu Homotopien.

Literatur:

Aufsatz Foucaults, welcher mir als Grundlage diente:

Foucault, Michel: Andere Räume. In: Barck, Karlheinz u.a. (Hg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig 1992, S. 34 – 46.

http://www.uni-weimar.de/cms/uploads/media/Foucault_AndereRaeume_01.pdf

 

In „Heterotopie und Erfahrung“ versucht Marvin Chlada zu erklären, was Foucault mit Heterotopien meint. Weiterhin diskutiert Chlada Möglichkeiten und Chancen des „Heterotopie-Konzepts“ sowie verbindet jenes mit anderen Modellen der Erfahrung von Georges Bataille oder Samuel R. Delany.

Chlada, Marvin: Heterotopie und Erfahrung. Abriss der Heterotopologie nach Michel Foucault. Aschaffenburg 2005.

 

Dem Konzept der Heterotopie bedient sich auch der Romanist Rainer Warning. Allerdings macht Warning das Konzept an literarischen Räumen fest. Dazu bezieht er sich auf konkrete Beispiele, wie Flauberts „Bouvard et Pécuchet“, Baudelaires „Vieux saltimbanque“ oder Zolas „Rougon-Macquart“.

Warning, Rainer: Heterotopien als Räume ästhetischer Erfahrung. München 2009.

 

Die Homepage des GLBT-Museums:

http://www.glbthistory.org/museum/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s