Wim Delvoyes Cloaca – „Kunstwerke“ produzieren lassen?!

Wim Delvoye’s Cloaca is a machine of ecstatic transformation: it was invented for the simple purpose of converting meals into excrement as efficiently as possible. The following thoughts are meant to pose questions about the theme and the approach of the artist. Ethically controversial aspects and projects related to the institution museum are being depicted and former projects concerning the topic of digestion are being listed.

 

Der belgische Konzeptkünstler Wim Delvoye hat zwischen 2000 und 2007 acht Maschinen entwickelt, die den menschlichen Verdauungsvorgang simulieren. Es ist ihm nach mehreren Jahren Forschungsarbeit und mit der Hilfe von Wissenschaftlern gelungen, eine der inneren Funktionen des menschlichen Körpers nachzubilden und von menschlichen visuell nicht zu unterscheidende Exkremente zu produzieren. Er hat es geschafft mit seinen Maschinen, die er „Cloaca“ taufte, Kunst und Wissenschaft zu vereinen. Delvoye hat jede seiner Maschinen mit einem zusätzlichen Namen versehen: Cloaca Original, Cloaca – New & Improved, Cloaca Turbo, Cloaca Quattro, Cloaca N°5, Super Cloaca, Personal Cloaca und Mini Cloaca. Bei diesen Titeln sticht wohl am Ehesten Cloaca N°5 ins Auge. Einerseits handelt es sich ganz einfach um die fünfte Maschine, die er entwickelt hat, andererseits handelt es sich um eine Anspielung an das wohl bekannteste Parfum der Welt Chanel N°5. Was will uns der Künstler sagen, wenn er eine Maschine, die Exkremente produziert und durchaus unangenehme Gerüche beim Vorgang ausstößt, mit dem Namen eines Parfums kombiniert? Eine von vielen Fragen, die im Verlauf aufgeworfen werden.

Das Cloaca-Logo in Form des Coca Cola-Schriftzuges verschmilzt mit dem Superman-Logo

Erstmals wurden alle acht Maschinen 2007 auf der Langen Nacht der Museen in Luxemburg in zwei Museen der Stadt Luxemburg ausgestellt. Luxemburg war 2007 Kulturhauptstadt und mit der Ankündigung, dass Delvoyes Maschinen ihren Weg in das kleine Land gefunden hatten, war der Abend ein Erfolg, wie selten zuvor. Im Casino Luxemburg, einer Galerie für zeitgenössische Kunst und im Mudam, Museum für Moderne Kunst wurden neben den Maschinen auch 200 Originalzeichnungen, 3D-Fotografien, Röntgenbilder, Modelle und als spezieller Eyecatcher luftdicht verpackte Cloaca Feces, die man als Besucher sogar erwerben konnte, ausgestellt. Die Cloaca Feces, vom Künstler als von den Maschinen produzierte „Kunstwerke“ bezeichnet, werden in Folie eingeschweißt und in einem durchsichtigen Quader verpackt. Die Folie trägt zusätzlich den Schriftzug Cloaca. Weitere Fragen kommen auf. Was wollte man damit bewirken ein derart provozierendes Projekt auf einer langen Museumsnacht zu präsentieren? Und viel interessanter: Warum stellt man die Cloaca Feces nicht nur aus, sondern verkauft sie? Macht dieses Element des Konsums aus einem Museum nicht eine Art Boutique? Sollten Objekte in einem Museum nicht dazu dienen vom Besucher betrachtet zu werden und wie in den meisten Fällen gewünscht, zum Nachdenken anregen oder Informationen vermitteln? Welche Botschaft vermittelt der Künstler mit einem derartigen Statement? Nehmen wir ein bekanntes Beispiel: Im Musée d’Orsay hängen die bekanntesten Gemälde des Impressionismus’, einer der wichtigsten kunsthistorischen Epochen Frankreichs. Die Kunstwerke befinden sich im Museum um von Kunstinteressenten aus der ganzen Welt in der Metropole Paris bewundert zu werden. Ein Verkauf dieser Werke bietet das Museum nicht an. Es deutet lediglich auf den Museumsshop hin, wo man von seinem Lieblingsbild ein Poster oder in manchen Fällen sogar ein Radiergummi erwerben kann. Warum lässt es Delvoye jedoch in unserem Fall zu, dass man „Originale“ kaufen kann?

„Super Cloaca“ im Mudam (Musée d’art moderne Grand-Duc Jean) während der Langen Nacht der Museen in Luxemburg, 2007

Sauberkeit spielt in unserer Gesellschaft eine dermaßen große Rolle, dass ein Gespräch über die tägliche Produktion von Exkrementen tabuisiert wird. Als Logo der Cloaca-Maschinen Meister Proper in Zusammenhang mit der Illustration eines Darmes zu verwenden, scheint jede Form des Paradoxen zu überschreiten. Ein solch kontroverses Thema in einer Institution wie dem Museum anzusprechen, das immer noch einen sehr konservativen Ruf hat, ist außerordentlich provozierend.

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„Toilet Paper“ mit Cloaca-Logo im „Wim-Shop“ während der Langen Nacht der Museen in Luxemburg, 2007

Ein ethisches Problem springt einem ins Auge wenn man sich fragt was den Maschinen eingeführt wird, damit sie wie das menschliche Verdauungssystem funktionieren können. Sie werden gefüttert. Laut Berichten, während der Ausstellungszeit in Luxemburg, hat man örtliche Restaurants damit beauftragt, Essen für die Maschinen zur Verfügung zu stellen. Auf der Langen Nacht der Museen hat niemand anderes als die bekannte Sterneköchin Lea Linster ein spezielles Menü mit dem Namen Super-Cloaca-Menü an die Maschine verfüttert. Ist es vertretbar Lebensmittel für ein künstlerisches Projekt zur Verfügung zu stellen, obwohl Nahrungsmangel in unserer heutigen Gesellschaft noch immer ein großes Problem darstellt?

Fütterung der Cloaca-Maschine im Mudam (Musée d’art moderne Grand Duc Jean) während der Langen Nacht der Museen in Luxemburg, 2007
Menschenmenge versammelt sich um die Cloaca-Maschine während die Sterneköchin Lea Linster die Maschine füttert (Mudam, Lange Nacht der Museen in Luxemburg, 2007)

In Anbetracht des bereits Geschilderten kann man sich fragen, ob Delvoye mit seinem kühnen künstlerischen Projekt etwas bahnbrechend Neues geschaffen hat oder ob Vorbilder existieren? Der Künstler schließt tatsächlich an eine kunsthistorische Tradition an. Als Beispiel eines solchen „Maschinen-Kunstwerks“ kann man Jacques de Vaucansons (1709-1782) Mechanische Ente nennen. Das Objekt des französischen Ingenieurs gilt als sein Meisterwerk, ist allerdings seit Mitte des 19. Jahrhunderts verloren. Die Ente bestand aus mehr als 300 beweglichen Einzelteilen, konnte mit den Flügeln flattern, schnattern, Wasser trinken, Körner picken und sie verdauen. Zu letzterem Zweck erfand Vaucanson den ersten biegsamen Gummischlauch, um die angebliche Verdauung als chemische Reaktion in Fahrt zu bringen. Das „Ergebnis“, behauptete wie bei Delvoye „naturidentisch“ zu sein. Jedoch verblieben die Körner lediglich in einem Versteck im Hals der Ente und der Kot, der in naturgetreuer Konsistenz ausgeschieden wurde, war vorfabriziert. Nichtsdestotrotz blieb die Wahrheit über die Ente lange Zeit verborgen und sie wurde auf Jahrmärkten, bei Fürstbischöfen sowie vor Wissenschaftlern öffentlich präsentiert.

Das Thema Ausscheidungen war auch im 20. Jahrhundert im Museum vertreten. Der italienische Konzeptkünstler Piero Manzoni füllte 1961 jeweils 30 g seiner eigenen Fäkalien in 90 Dosen und verschloss diese geruchsfest. Die Dosen wurden anschließend einzeln von 001 bis 090 durchnummeriert und mehrsprachig mit merda d’artista, das im Deutschen so viel wie Künstlerscheiße heißt, beschriftet. Die Dosen verkaufte der Künstler schließlich zum damals aktuellen Goldpreis. Manzoni belügt uns ähnlich perfekt wie Vaucanson, und überzeugt mit einem überdeutlichen Realismus von 30 g „Scheiße“. Ob diese sich wirklich in der Dose ausbreitet, ist nicht verifizierbar. Das Öffnen der Konserve, wobei es sich mittlerweile um ein teures Kunstwerk handelt, würde dieses unwiederbringlich zerstören.

Was verbindet jedoch nun die beiden eben erläuterten „Kunstwerke“ mit Delvoyes Cloaca? Bei Vaucansons Ente handelt es sich wohl bloß um die reine Idee der Nachahmung des Verdauungssystems des Tieres. Ihr geht keine Roboterzukunft voraus. Man kann eher von einem Schritt zurück zur Kunst- und Wunderkammer sprechen, in denen Tischautomaten oft vertreten waren. Delvoye schließt sich Manzoni an, ohne allerdings dem Mythischen der Künstlerscheiße weiter Nachdruck zu verleihen. Er ist kein Klogänger sondern lässt produzieren und dies mitten im Ausstellungsbetrieb. Seine Künstlerscheiße bringt keine Geheimnistuerei mit sich. Sie wird luftdicht eingeschweißt in klarsichtigem Plastik und wird ebenfalls auf dem Kunstmarkt gehandelt, jedoch sieht der Käufer genau was er erwirbt. Obwohl es Vorbilder gibt, ob Künstler oder Ingenieur, ist Delvoyes Herangehensweise zu dem Thema „Verdauung“ neu.

Es handelt sich bei Delvoyes Cloaca ohne Zweifel um eines der kühnsten künstlerischen Projekte aller Zeiten. Der kybernetische Künstler und Entrepreneur hat Maschinen entworfen, die seine Kunstwerke produzieren. Er löst sich vom romantischen Bild des genialen Schöpfers und führt seine Produkte in den globalen Wirtschaftskreislauf ein, indem er sie unter anderem an die Börse bringt. Delvoyes Maschinen sind ein viel diskutiertes Thema und einige Fachwissenschaftler haben sich in Aufsätzen mit ihnen auseinandergesetzt. Tabuthemen haben einen Hang dazu Menschen zu faszinieren. Es herrscht eine große Sensationslust in unserer Gesellschaft, die in vielen Fällen sogar die Grenze zum Morbiden hin, überschreitet. Eine abschließende Frage, die wie einige der eben gestellten Fragen, jeder für sich selbst beantworten muss, lautet: Handelt es sich bei Delvoyes Maschinen tatsächlich um Kunst und sind sie würdig in einer Institution wie dem Museum ausgestellt zu werden oder verfolgt der Künstler aufgrund des Themas das Motiv reiner Provokation und als höchstes Ziel ein Wirtschaftliches?

Weitere Internetlinks mit interessanten Stellungnahmen zu Wim Delvoyes Cloaca

Berliner Zeitung: Was hinten rauskommt von Vera Görgen http://www.berliner-zeitung.de/archiv/der-belgier-wim-delvoye-und-seine–cloaca–maschine-was-hinten-rauskommt,10810590,10380346.html

Reportage: Belgique Scandale … Cloaca machine produisant des matières fécales https://www.youtube.com/watch?v=Ae8GikX57aA

Literatur- und Quellenbericht

Als wichtigste Grundlage oder Quelle um diesen Blogeintrag schreiben zu können, diente mir ohne Zweifel die Lange Nacht der Museen/Nuit des Musées in Luxemburg, auf der ich 2007 anwesend war. Die Cloaca-Maschinen und den „Fütterungsprozess“ live gesehen zu haben, haben mir Einblicke gegeben, die ich nur vereinzelt in der Literatur finden konnte. Eben diese Einblicke haben es mir ermöglicht die oben genannten Überlegungen und Fragestellungen in Worte zu fassen.

Weitere Literatur und Internetquellen waren bei der Erarbeitung des Themas ebenfalls wichtig
  • Casino Luxembourg – Forum d’art contemporain, Luxembourg (Hg.): Wim Delvoye – Cloaca 2000-2007. Luxembourg 2007.

Ein Werk, das die Cloaca allgemein beschreibt und zahlreiche Zeichnungen, sowie Fotografien beinhaltet, ist Wim Delvoye – Cloaca 2000-2007 herausgegeben anlässlich der gleichnamigen Ausstellung 2007 im Casino Luxembourg – Forum d’art contemporain und im Mudam – Musée d’art moderne Grand-Duc Jean.

  • Delvoye, Wim: Studies for Cloaca (1997-2006). China, 2007.

Bei dem Werk Studies for Cloaca handelt es sich um eine Zusammenführung der wichtigsten Skizzen und Studien, die Wim Delvoye für die verschiedenen Cloaca-Maschinen entworfen hat.

  • Glasmeier, Michael: Ostentatio excrementorum. In: Glasmeier, Michael: Das Ganze in Bewegung. Hamburg 2008, S. 89-113.

Ein Aufsatz der sehr interessante Aspekte und Überlegungen zu verschiedenen Projekten liefert, die sich mit dem Thema Verdauung auseinandersetzen und mit der Cloaca vergleichen, ist Michael Glasmeiers Ostentatio excrementorum. Hierbei geht der Autor auch auf die beiden Beispiele ein, die im Blogeintrag aufgeührt sind: Jacques de Vaucansons Mechanische Ente und Piero Manzonis Merda d’artista.

  • Wallace, Isabelle Loring: Deep Shit: Thoughts on Wim Delvoye’s Cloaca Project. In: Wallace, Isabelle Loring (Hg.): Contemporary art and classical myth. Farnham (u.a.) 2011, S. 217-241.

Im Aufsatz Deep Shit: Thoughts on Wim Delvoye’s Cloaca Project beschäftigt sich Isabelle Loring Wallace mit den verschiedenen Stufen in der Entwicklung der Cloaca-Maschinen. Sie geht außerdem auf die Verbindung der Namen der Maschinen und ihren Logos in Bezug auf die Popkultur ein.

Gunther Cox beschreibt Jacques de Vaucansons Mechanische Ente und ihr Werdegang.

Timm Kroner hat auf der Blogseite des Städel Museums in Frankfurt einen Eintrag zu Piero Manzonis Künstlerschieße verfasst. Er geht auf das Kunstwerk ein und beschreibt den Werdegang des Künstlers. Das Buch Als Körper Kunst wurden, das zur gleichnamigen Ausstellung im Städel Museum erschienen ist, geht ebenfalls auf Piero Manzoni als Künstler ein und beschreibt eines seiner Hauptwerke Merda d’artista.

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